
Ich denke, Sie stimmen mit mir überein, das Palmen
tropischen
Charakter aufweisen.
Benötigen sie aber auch tropische Bedingungen, um sie
erfolgreich
pflegen oder vermehren zu können?
NEIN, nicht unbedingt!
Zunächst noch einige Worte zu meinen Palmen, die ich pflege.
Ich
kultiviere derzeit ca. 240 Palmenarten und etwa 40 Cycadeenarten. Wie
Sie
schon daran ersehen können, "müssen" einige davon als
SCHWIERIGE
bezeichnete dabei sein!
Viele scheuen sich, als kompliziert bezeichnete Palmen zu erwerben.
Aber probiert haben es die wenigsten.
Ich kenne anerkannte Palmenexperten, die sich z.B. scheuen, Beccariophoenix
madagascariensis zu kultivieren.
Ich kann nur erwidern: Meine Beccario´s erfreuen sich
in allen Größen bester Gesundheit, und das unter normalen
Zimmerbedingungen!
Ich hoffe, das diese und auch andere Arten bald Einzug in Ihre
Palmensammlung
finden werden!
Im folgenden möchte ich Ihnen einige Tips und Hinweise geben,
damit
Sie möglichst lange Freude an
Ihren Palmen haben und vielleicht probiert der eine oder andere auch
selbst die Anzucht aus Samen.
Licht:Die meisten Palmen wachsen in einem Gürtel um die Äquatorialzone der Erde. Dort ist die Sonneneinstrahlung natürlich wesentlich höher als in unseren Gefilden. Ebenso ist kein Unterschied bezüglich der Sonnenintensität in den verschiedenen Jahreszeiten festzustellen.
Und genau da liegt eines der Hauptprobleme bei der erfolgreichen Pflege tropischer Arten. Die Sonneneinstrahlung ist besonders im Winter in Mitteleuropa meist nicht ausreichend, da die Lichtstunden erheblich abgenommen haben.
Um dieses Problem erfolgreich zu bekämpfen, ist bei empfindlicheren Arten eine zusätzliche Beleuchtung angeraten.
Man kann einerseits spezielle Pflanzenleuchten einsetzen, empfehlenswert erscheinen mir hier einige in der Aquaristik eingesetzte Leuchtstoffröhren, deren Licht speziell auf die Pflanzenbedürfnisse abgestimmt sind. Sie werden eine Vielzahl an Angeboten vorfinden.
Aus Gründen der Energieersparnis können Sie aber auch Energiesparlampen einsetzen. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht!
Im Sommer können manche Arten direkter Sonne ausgesetzt sein wie etwa Wodyetia, Washingtonia, Sabal und viele Cycadeen.Viele dieser sonnenhungrigen Arten schützen sich vor Austrocknung oder zu extremer Sonneneinstrahlung durch sehr derbe Blätter (Phoenix dactylifera u.a.), oder Wachsschichten (Ceroxylon, Pritchardia, Copernicia, Sabal yapa, Brahea armata). Die meisten jedoch bevorzugen Halbschatten oder gefilterte Sonneneinstrahlung wie viele madegassische Arten oder die größer werdenden Species, die im Alter über das Blätterdach des Waldes stoßen. Und einige Palmen wie etwa Howeia, einige Chamaedoreas und Licualas oder Rhapis kommen mit schattigen Verhältnissen gut zurecht. Der Grund dafür liegt am natürlichen Standort. Viele Arten bleiben eher klein mit bis zu 3-5 Meter und sind somit oft im Schatten des Regenwaldes. Dies betrifft auch viele sogenannte "understorey palms", die im Unterholz wachsen wie die kleinerbleibenden Dypsis. Sie sollten auf keinen Fall direkter Sonne ausgesetzt werden, da die Blätter schnell verbrennen (braune oder gelbe Flecken auf den Blättern) und die Palme dann abstirbt.
Ebenso wichtig wie das Licht ist dieWärme:
Wie bereits erwähnt, wachsen die meisten Arten in den wärmeren Gebieten der Erde. Diesem Umstand sollten wir beim Kauf einer Palme unbedingt Beachtung schenken. Im Sommer stellt dies in der Regel ein lösbares Problem dar, im Winter haben viele viele Arten Schwierigkeiten mit den Temperaturbedingungen in einer Wohnung, die normal beheizt wird. Wärme signalisiert der Palme WACHSTUM, jedoch reichen die Lichtverhältnisse nicht für ein adäquates Wachstum aus. Demzufolge sollten Palmen wie Washingtonia, Chamaerops, Chamaedorea, Ceroxylon, Phoenix, Synechanthus und Trachycarpus im Winter auf keinen Fall zu warm stehen, oftmals reichen 5-10°C aus, um die Pflanze am Leben zu halten. Das Wachstum wird in dieser Zeit meist eingestellt. Zu hohe Temperaturen führen zu extrem langen Blattstielen und schwachen Fieder- oder Fächerblättern, die nicht selten abbrechen und sehr hell gefärbt sind. Selbstredend sollten aber tropische Palmen möglichst gleichmäßig warm stehen unter Beachtung der Lichtverhältnisse.
Optimal scheint mir hier Fußbodenheizung zu sein, ein warmer Wurzelballen regt das Wachstum extrem an.
All diese Bemühungen bringen keine befriedigenden Erfolge, wenn wir uns nicht mit derLuftfeuchtigkeit:
auseinandersetzen. In den meisten tropischen Regionen gibt es periodisch erhebliche Niederschläge, die zu einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit führen. Gerade am Boden des Regenwaldes ist dies besonders zu beobachten. Die im Zimmer vorhandene Luftfeuchte reicht den gängigen Zimmerpalmen aus, für die "Tropenkinder" müssen wir uns etwas einfallen lassen. Viele Palmen nehmen nicht nur durch die Erde Wasser auf, sondern über die Blätter. Dort befinden sich meist auf der Unterseite Poren, die die Feuchtigkeitsaufnahme ermöglichen oder in trockenperioden die Abgabe von Wasser verhindern. Im Laufe der Zeit werden diese Poren aber durch Staub zugesetzt und damit kann eine Palme Wassermangel erleiden, obwohl wir regelmäßig gießen! Dem kann vorgebeugt werden durch das Reinigen der Blätter mit einem feuchten Tuch. Besonders wohl tut Palmen auch ein regelmäßiges Sprühen oder ein Zimmerspringbrunnen in Nähe der Palme.
Gießen:
In meinen Augen eines der Hauptprobleme bei der Palmenpflege. Die meisten Palmen, die dem irdischen Leben entsagen mußten, wurden "totgegossen"!
Dazu muß es aber nicht kommen, wenn wir das folgende beachten:
1) Gießen Sie regelmäßig und gleichmäßig nach Bedarf, aber erst nach Prüfung des Substrates! Prüfen Sie dieses aber nicht an der Oberfläche, da diese schneller austrocknet, während der Wurzelballen noch feucht ist. Kontrollieren Sie die Substratfeuchte immer in der Mitte des Topfes. Gerade torfhaltige Substrate täuschen uns Wasserbedarf nur an der Oberfläche vor! An der Wurzel faulende Palmen vermitteln u.a. das gleich Schadbild wie vertrocknete Palmen - vertrocknende Blätter! Bei Nichtkenntnis dieses Umstandes folgt meist Gießen und damit der endgültige Exodus der Pflanze.
2) Nehmen Sie Abstand von Übertöpfen! Auch wenn es (manchmal) schöner aussieht, bildet sich schnell Staunässe, und die vertragen bis auf Elaeis guineensis und Licuala grandis, die bei mir ständig mehrere Zentimeter im Wasser stehen, die wenigsten Arten. Wenn Sie nicht auf Übertöpfe verzichten mögen, kontrollieren Sie aber dann nach jedem Gießen, ob sich Wasser angesammelt hat.
Im Winter gieße ich kälterstehende Palmen nur 1-2 mal in zwei Monaten, da die Palme durch das Einstellen des Wachstums die Wassermengen sonst nicht verarbeiten kann.Abschließend noch einige Worte zur
Anzucht aus Samen:
Das A und O für eine erfolgreiche Anzucht aus Palmen- oder Cycadeen-Samen ist die Frische des Samens.
Es gibt wenige Ausnahmen, z.B. keimt Phytelephas macrocarpa erst nachdem der Samen bis zu 2 Jahre gelagert wurde - die von mir angebotenen Phytelephas-Samen haben diese Lagerzeit bereits hinter sich. Desweiteren haben kürzlich im Dezember 1999 die ersten Acrocomia todai-Samen gekeimt, nachdem sie vor ca. 3 Jahren in das Substrat gelegt wurden! Meist gibt es die besten Keimraten bei frischen Samen, manche verlieren die Keimfähigkeit bereits nach wenigen Wochen. Bei anderen Samen habe ich die Erfahrungen gemacht, das sie erst keimen, nachdem sie einige Monate trocken gelagert wurden, wie z.B. Bactris glandulosa und Parajubaea cocoides. Sehr viele Palmen sind sogenannte "Dunkelkeimer", d.h. die besten Erfolge werden Sie verzeichnen, wenn der Samen dunkel gehalten wird. Dagegen sind Samen von Cycadeen als auch die Sporen von Baumfarnen sogenannte "Lichtkeimer", d.h. diese Samen müssen hell auf das Substart gelegt werden
Wichtig ist gleichermaßen eine hohe Temperatur (z.T. bis 40 °C, die meisten keimen aber bereits schon bei Temperaturen von 25-30 °C). Genauso wichtig ist, daß das Keimsubstrat nie austrocknet. Als Keimsubstrat nehme ich meist Perlite (in guten Baumärkten als Bau-Isoliermaterial erhältlich) oder Sphagnum-Moos.
Teilweise mische ich das Substrat mit Anzuchterde, Coccothrinax-Arten bevorzugen z.B. einen Kalkzusatz.
Gerade Perlite hat aber eine erstaunliche Wärme- und Feuchtigkeitshaltbarkeit! Kurioserweise keimen einige Samen direkt im Wasser! Glaubhaft erscheit dies zunächst bei der einzigen wirklichen "Wasserpalme", Ravenea musicalis aus Madagaskar. Auch Nypa fruticans aus SO-Asien keimt im Brachwasser. Neu war mir diese Erfahrung allerdings bei verschiedenen Attalea-Arten.
Manche Samen, wie z.B. Acrocomia, Syagrus und Butia als auch die bekannte Cocos nucifera (Kokospalme) haben bis zu drei Keimlöcher, so das es passieren kann, das aus allen drei Keimlöchern Keime sprießen. so sind Zwillinge oder gar Drillinge möglich. Voraussetzung ist aber, das die Samen auch im inneren getrennte Keimkammern haben.
Sobald der erste oberirdische Trieb sichtbar wird, sollten wir die Lichtzufuhr erhöhen; aber denken Sie daran, die Sämlinge sind auch am natürlichen Standort in den seltensten Fällen direkter Sonne ausgesetzt!
Ich hoffe, Ihnen einige wertvolle Tips gegeben zu haben. Mitglieder der European Palm Society könnenin den Ausgaben 28 und 32 der Zeitschrift CHAMAEROPS nachlesen, unter welchen Bedingungen ich meine Palmen und Cycadeen pflege.
Ich wünsche Ihnen viel Freude an Ihren Palmen, aber auch etwas Mut bei der Pflege nicht herkömmlicher Arten, die nicht offiziell als "Zimmerpalme" angeboten werden!Ihr
Jörg Schumann